Warum wir auf Sichtbeton setzen
Sichtbeton ist ein Material, das keine zweite Chance gibt. Jede Schalung, jeder Rütteldurchgang, jede Fehlstelle bleibt für immer sichtbar — anders als bei einer verputzten Wand, die kleine Fehler unter einer glatten Oberfläche verschwinden lässt. Genau das ist für uns der Grund, warum wir es in den letzten Jahren immer wieder einsetzen, obwohl es in der Ausführung anspruchsvoller und in der Kalkulation riskanter ist als fast jedes andere Material.
Ein Beispiel: Bei der Kulturscheune Wessling steht ein freistehender Betonkubus im Inneren einer 150 Jahre alten Feldsteinscheune. Hätten wir die gleiche Funktion — Bühne, Garderoben, Haustechnik — in Gipskarton oder verputztem Mauerwerk gebaut, hätte man das Provisorische daran gesehen, sobald die erste Ecke einen Riss bekommt. Beton dagegen altert nicht schlechter, er altert anders. Die Schalbrettstruktur, die feinen Luftblasen, die minimalen Farbunterschiede zwischen zwei Betoniertagen — das alles bleibt als Zeitzeugnis der Bauzeit sichtbar, ohne dass es wie Verfall wirkt.
Was viele unterschätzen: Sichtbeton ist kein Material, das man am Bau nachträglich rettet. Die Entscheidung fällt Monate vor dem ersten Kubikmeter, bei der Schalungsplanung. Wie oft wird die Schalung verwendet? Wo sitzen die Ankerlöcher, und werden sie als Gestaltungsraster genutzt oder als Störung empfunden? Welche Betonrezeptur, welche Konsistenz, welche Rütteldauer? Ein einziger falscher Rütteldurchgang produziert Kiesnester, die sich nicht mehr kaschieren lassen — anders als bei den meisten anderen Baumaterialien, bei denen ein Fehler am Ende der Bauzeit noch behoben werden kann.
Für unsere Bauherren bedeutet das: mehr Planungsaufwand im Vorfeld, mehr Abstimmung mit der ausführenden Firma, in der Regel auch ein höheres Budget für die Rohbauphase. Was sie dafür bekommen, ist eine Oberfläche, die in zwanzig Jahren nicht gestrichen werden muss und die mit jeder Witterungsspur ehrlicher wird statt schäbiger. Wir setzen Sichtbeton nicht ein, um modern zu wirken. Wir setzen ihn ein, weil er zeigt, wie er entstanden ist — und das passt zu der Art, wie wir überhaupt bauen wollen: nachvollziehbar, ohne Kaschierung.