LP 6: Warum die Vergabe über das Budget entscheidet
Die meisten Kostenüberschreitungen, die uns in der Objektüberwachung begegnen, haben ihren Ursprung nicht auf der Baustelle. Sie stehen bereits im Leistungsverzeichnis — nur merkt man es erst, wenn der erste Nachtrag kommt.
Leistungsphase 6, die Vorbereitung der Vergabe, hat in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Gewicht gegenüber Entwurf oder Ausführungsplanung. Dabei entscheidet genau hier, wie belastbar ein Angebotspreis später ist. Ein Leistungsverzeichnis mit vagen oder unvollständigen Positionen führt zu einem von zwei Ergebnissen: Entweder kalkulieren die Bieter die Unsicherheit mit einem Risikoaufschlag ein — das Angebot wird teurer, als es sein müsste — oder sie kalkulieren knapp und planen von vornherein ein, fehlende Leistungen später als Nachtrag nachzuschieben. Beide Wege enden für den Bauherrn teurer als eine sauber vorbereitete Vergabe.
Konkret heißt das für uns: Die Mengenermittlung erfolgt aus der bereits abgeschlossenen Ausführungsplanung, nicht aus einer überschlägigen Schätzung parallel zur Vergabephase. Wo sich das in Einzelfällen nicht vermeiden lässt, kennzeichnen wir Bedarfspositionen explizit als solche, statt sie in normale Positionen zu mischen — damit ein Bieter weiß, wo er mit Unsicherheit kalkuliert, und wo nicht. Und wir gleichen das Leistungsverzeichnis Position für Position gegen die Ausführungspläne ab, bevor es zur Ausschreibung geht — ein Leistungsverzeichnis, das mehr oder weniger beschreibt als die Pläne zeigen, ist der häufigste Grund für Nachtragsstreit, den wir in der Objektüberwachung sehen.
Der zweite Effekt eines sauberen Leistungsverzeichnisses zeigt sich erst in Leistungsphase 7, bei der Angebotsprüfung: Nur wenn alle Bieter dieselben, eindeutig definierten Positionen bepreisen, lassen sich die Angebote tatsächlich vergleichen. Ein Niedrigpreis, der auf einer knapperen Auslegung derselben Position beruht als beim Wettbewerber, fällt in einer sauberen Angebotsprüfung auf, bevor der Zuschlag erteilt wird — nicht erst, wenn die fehlende Leistung als Nachtrag auf dem Tisch liegt.